DAS SCHEINPARADOXON DER SELBSTAUFLÖSUNG

(EMOTIONALE REIFE & ICHLOSIGKEIT)

 

Bei der Frage, ob oder welchen Zusammenhang es zwischen "emotionaler Reife" und "Ichlosigkeit" geben könnte, müsste man natürlich zunächst klären, was eigentlich mit "Reife" gemeint ist. Abgesehen davon muss ich persönlich tief in der Vergangenheit graben, um die Erinnerung an das ÜBERFORDERTE Ichgefühl wachzurufen:

 

Bei/nach meiner damaligen temporären Auflösungserfahrung am 5. Mai 1989 war mein allererster Gedanke während oder kurz nach dem Vorfall nicht etwa ein erleichtertes Gefühl von Erleuchtung oder Erwachtsein, sondern die ziemlich schockierende Erkenntnis "ACH DU SCHEISSE" (wortwörtlich! ich habe es heute noch im Ohr!), weil gesehen/gespürt wurde, dass es keine "andere" (transzendente) Seite gibt, auf der man "ankommen" könnte, wenn das Ich verzweifelt versucht, sich selbst irgendwie loszulassen, um seine vermeintliche "Mitte" (das Zentrum, Selbst, Gott, Liebe, Jenseits, göttlicher Wille etc pp) zu finden, sondern diese nicht selbstgemachte Disidentifikation, die plötzlich passierte, dazu führt, dass sich die ichlose Wahrnehmung selber ALS das unendliche Sein empfindet anstatt als separate Identitätseinheit mit einem Willen zur Macht. Diese schizoide Spaltung der Wahrnehmung in einen Ichgedanken, der glaubt, dem "Ganzen" wie ein Beobachter gegenüber zu stehen, fällt einfach weg, und der Mensch SPÜRT "SICH SELBST" ALS DAS GANZE SEIN, ohne sich ein sogenanntes Selbst einzubilden. Wäre diese Ichlosigkeit damals aktiv geblieben, hätte es kein Ichgefühl mehr gegeben, das damit klarkommen musste, weder existenzialphilosophisch noch emotional. Aber der Ichgedanke kehrte zurück und bescherte mir einen fast 3 Jahrzehnte dauernden Höllenritt durch Psychosen, Visionen, paranormale Erscheinungen, kreative Kompensationsprozesse, transpersonale, kosmische, telepathische, mystische, übersinnliche oder sonstwie zu benennende esoterische Zustände, weil das Ich wie besessen davon war, dieses Gefühl der Selbstauflösung wiederfinden zu wollen, es zu besitzen, es zu kontrollieren und darin eine sichere seelische Heimat zu finden. Mein Ich war quasi süchtig geworden nach seiner Selbstauflösung, als wäre es unter Einfluss von einer psychedelischen Droge in ein überirdisches Licht getaucht worden und hätte nun Entzugserscheinungen in der vermeintlichen Dunkelheit der Welt.

 

Du fragst jetzt: Fehlte also dem Ich eine emotionale Reife als Grundlage, um die Ichlosigkeit zu ertragen? Nein! Diese Frage entspringt einem absurden Scheinparadoxon, denn logischerweise bedarf eine Illusion keiner Reife, wenn das zu Ertragende erst durch die Auflösung der Illusion zum Tragen kommt. Das unendliche Gewicht der Leere entfällt, wenn es keinen Träger gibt, der die Leere als Objekt zu ertragen versucht. Denn diese Leere ist kein Objekt und hat darum auch kein Gewicht für niemand. Die angebliche Schwere der Erfahrung wird nur von der Ich-Illusion als schwer empfunden, schwer erreichbar und schwer zu ertragen. In Wahrheit mangelt es nicht an emotionaler Reife, sondern die simple Information fehlt, dass das Ich keine Identität ist, sondern nur eine Illusion, die alle Gedanken und Gefühle an sich bindet. Der Gedanke "ich" wirkt wie ein Kleister, der alle auftauchenden Emotionen auf sich bezieht und dann mit sich verklebt. Aber es gibt in echt gar kein Ich als Entität, sondern nur einen Ichgedanken, der sich wie ein Virus im Denken festgesetzt hat und stur davon ausgeht, dass das Denken von einem Ich gemacht und gedacht wird. Diese Information fehlte in meinem Fall über all die Jahre; ich hatte nie irgendwo davon gehört oder gelesen, dass es eine zivilisatorische Lüge gibt, die so fest in den kulturgeschichtlichen Fundamenten vieler Gesellschaften verankert ist, dass es scheint, als sei daraus mittlerweile eine irreversible Symbiose entstanden. Das stimmt zum Glück aber nicht! Im persönlichen Einzelfall kann es durchaus geschehen, dass sich diese Symbiose aus Ichglaube und daraus abgeleitetem Alltag wieder löst, ja quasi gelöscht wird, und der klare Blick der "befreiten" WAHR-Nehmung zum Selbstläufer wird, der einen neuartigen Umgang mit dem konkreten Alltag ermöglicht. Wohlgemerkt: es gibt niemanden, der befreit werden müsste! Dieser Jemand ist die Illusion selbst, die gelöscht wird.

 

Ab diesem Moment im historischen Leben des Menschen erscheint alles, was bis dahin erlebt und erfahren wurde, als eine Matrix, eine Scheinwelt, ein Blöff. Nicht weil es die Welt nicht gibt, sondern genau umgekehrt: weil es NUR die Welt gibt, aber nicht die Person da im Innersten des Orkans, die von sich behauptet, die Welt zu erfahren und zu interpretieren. Diese Ich-Illusion, dieser Irrtum der Interpretation des Seins durch den Ichgedanken ist selbstverständlich auch ein realer Teil dieser Welt. Die Welt ist ein sensationelles kosmisches Karussell mit unendlich vielen Figuren, die wie Sterne umeinander tanzen und wie Planeten um ihre eigene Achse als Derwische kreiseln. Aber die Mitte des Karussells gibt es einfach nicht. Wenn ein Ich in einem Moment diese Ichlosigkeit zu spüren bekommt, stellt es fest: da befindet sich in der Mitte des Orkans nur ein unendliches, rahmenloses Loch, nichts weiter als ein Loch zum Hindurchschlüpfen auf DIESELBE Seite, wo die Rahmenlosigkeit dann offensichtlich wird. Alan Watts nannte das gerne den "unsichtbaren blinden Fleck". Aus diesem Loch haben leider schon früher sehr viele Mystiker und auch heute noch die modernen Varianten der Mystik ein elitäres ekstatisches Objekt gemacht, das nur Eingeweihte, Erleuchtete, Hochsensible, übersinnlich Begabte und Heilige kennen können und anzapfen dürfen wie einen ewigen Energiequell. Das ist natürlich totaler Bullshit und rührt lediglich aus der Verzweiflung des Ichs, seine eigene Nichtigkeit durch abstruse Methoden und Meditationsmaßnahmen verkraften zu wollen.

 

Sobald Du ein Gefühl an ein Zentrum bindest, weißt Du: Dein Ich ist am Werk! Und sobald Du von Dir meinst, überfordert zu sein, weißt Du: Dein Ich hat Dich feste im Griff! Wenn Du glaubst, noch nicht reif genug für die Ichlosigkeit zu sein, weißt Du: Dein Ichgedanke hypnotisiert die eigentlich freie Wahrnehmung und möchte sich selbst einreden, dass noch mehr optimiert und geübt werden müsse, um endlich irgendwann emotional reif genug zu sein, um als Zenmeister wiedergeboren zu werden. Aber nun schau einmal hin, was für ein langweiliges Leben der Zenmeister traditionell führt: er kocht, wenn er Hunger hat, und er schläft, wenn er müde ist. Darum die neugierige Frage mit erstaunten, weit aufgerissenen Augen: Wer zur Hölle ist denn ER, der Meister, dem man nacheifern wollte? Er ist dasselbe wie Du, nämlich GAR NICHT. Nur steht ihm die Ich-Illusion nicht mehr im Wege, darum liegt das Ziel seiner Handlungen nicht mehr in der Zukunft, sondern am Wegesrand. Der Rand ist zur grenzenlosen Mitte geworden. Seine Augen entdecken beim Vorbeilaufen einen schönen Edelstein, seine Hand greift danach und zeigt Dir dann, was sie gefunden hat: nichts! Die Handfläche ist leer und erscheint als der Edelstein, der da scheinbar am Wegesrand lag.

 

Nur das Ich macht aus allem ein Objekt und vergöttert dann sein Leben lang die selbst geschaffenen Dämonen, die manchmal wie Diamanten funkeln, aber eigentlich nur diese leere Hand sind, die ihr eigenes Nichtsein begreift...

 

 

Autor: Tom de Toys, 3. Dezember 2025 - erstveröffentlicht auf Facebook

Hervorhebungen (fett bzw. kursiv) und Absätze entsprechen dem Wunsch des Autors.

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