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Lesetipps: Ausgewählte Artikel auf Englisch
"THIS IS NOT SEPARATE FROM ITSELF!" und
Deutsch "Niemand", "Auf dem Weg bleiben"
sowie der Nahbellpreis-Gewinnertext auf
Englisch übersetzt "THERE IS NO ONE" und
im Original "DAS ICH, DAS ES NICHT GIBT"

 

2. Gastautoren-Interview: Andreas Müller

DAS URTRAUMA DES TRAUMS VON ETWAS TIEFEREM

(ICHLOSIGKEIT ALS GEFÄHRLICHSTE INFRAGESTELLUNG DER ICHVERLIEBTEN PSYCHIATRIE & IHRER BERÜHMTEN GURUS)

 

Lieber Andreas, wie schön, dass wir auf diese stressfreie Weise ein Interview mit Dir führen können. Kein Livestream, keine Bühne, kein Retreat auf einer Urlaubsinsel - und auch kein "Talk", wie Du selber Deine Satsangs nennst. Wie gehst Du mit dieser Paradoxie um, wenn Du wie eine Ichperson als spiritueller Lehrer, Guru (oder Antiguru?), Erleuchteter oder Erwachter bezeichnet wirst? Oder geschieht das mittlerweile nicht mehr? Wird Deine unpersönliche "frohe Botschaft" (als ironische Anspielung auf die Bibel) der FREIHEIT schon von vielen Suchern richtig verstanden, obwohl sie es nur "mit (scheinbaren) Ich" zu verstehen versuchen? Ist bei jemandem bereits vor Deinen Augen aufgrund Deiner Worte sein Ich "verpufft", wie Du es nennst?


1) Wie gehst Du mit dieser Paradoxie um, wenn Du wie eine Ichperson als spiritueller Lehrer, Guru (oder Antiguru?), Erleuchteter oder Erwachter bezeichnet wirst? - Ich gehe damit gar nicht wirklich um. Aus der persönlichen Sichtweise heraus ist es verständlich, dass diese Ideen geschehen können, insofern kann ich das nachvollziehen. Normalerweise gibt es ein kleines inneres Lächeln. Es ist ja niemand da, der erwacht oder erleuchtet ist. Gleichzeitig hat Befreiung scheinbar stattgefunden. Bei der Bezeichnung "spiritueller Lehrer" muss ich jedoch meistens einhaken, weil ein Lehrer im klassischen Sinn bin ich nun wirklich nicht.


2) Oder geschieht das mittlerweile nicht mehr? - Das geschieht durchaus. Es lernen mich ja immer wieder neue Menschen kennen.


3) Wird Deine unpersönliche "frohe Botschaft" (als ironische Anspielung auf die Bibel) der FREIHEIT schon von vielen Suchern richtig verstanden, obwohl sie es nur "mit (scheinbaren) Ich" zu verstehen versuchen? - Das ist eine schwierige Frage. Auf der einen Seite könnte man schon sagen, dass einige Menschen ein gewisses Verständnis dieser Botschaft haben. Auf der anderen Seite ist das, worüber ich spreche, absolut nicht verstehbar bzw. kennbar. Insofern ist jedes Verständnis Teil der scheinbaren Ich-Illusion. Vermutlich könnte man eher sagen, dass einige Menschen in einer Art Resonanz mit dieser Botschaft sind. Wahrscheinlich ist das bei allen so, die zu meinen Talks kommen. Das scheinbare Verständnis varriert jedoch, unabhängig von der Resonanz. 


4) Ist bei jemandem bereits vor Deinen Augen aufgrund Deiner Worte sein Ich "verpufft", wie Du es nennst? - Ja, das kommt schon vor. Normalerweise geschieht das nicht direkt in den Talks, aber im Umfeld davon. Allerdings muss ich hinzufügen, dass es nie wirklich "aufgrund" der Talks geschieht. Es ist einfach das, was scheinbar geschieht, genau so wie die Talks und meine Worte. Dem scheinbaren Verpuffen dieser Illusion steht eigentlich nichts im Wege; es geschieht eben oder auch nicht. Scheinbar natürlich.

 

Nun hast Du wieder so häufig das Wörtchen "scheinbar" verwendet, dass es vielleicht Sinn macht, einmal genau darzulegen, was genau scheinbar ist und was nicht, um einem typischen Missverständnis entgegenzuwirken, dass Nondualitätslehrer die gesamte Realität, also das Universum an sich als Illusion empfänden.


Das Wörtchen "scheinbar" bezieht sich darauf, dass alles gleichzeitig real und irreal ist. Wenn ich also sage, dass alles "scheinbar passiert", sind die Worte "scheinbar" und "passiert" absolut gleichwertig. Das ist die natürliche Realität: Alles passiert scheinbar. Spirituelle Lehrer bezeichnen alles als Illusion außer dem wahren Selbst, womit meistens das Gewahrsein gemeint ist. Es ist jedoch diese "Gewahrseins-Erfahrung" - das "Ich bin" - das nicht existiert. Daher würde ich nicht sagen, dass die Welt eine Illusion ist. Es ist die Erfahrung, die nicht real ist, dass es eine reale Welt für jemanden gibt. Diese getrennte Erfahrung - "Ich bin und ich bin von der Welt getrennt" - verfügt über keine Substanz. Was bleibt, wenn diese scheinbare Illusion verpufft, ist die totale, aber nicht von einem getrennten Gewahrsein erfahrbare Erscheinung einer Welt. Zu dieser Welt gehört man selbst und alles, was zu geschehen scheint. Allerdings gibt es niemanden, der diese Erscheinung als real und irreal erlebt; sie wird also weder bezeugt noch verneint. Sie ist total - und gleichzeitig leer. Scheinbar ist sie einfach. Für niemanden.

 

Gibt es (scheinbare) Vorteile oder Nachteile, die der (scheinbar) reale Mensch Andreas im (scheinbaren) Alltag davon hat, dass sein Ich "verpufft" ist? Haben sich bestimmte Probleme in Luft aufgelöst? Sind andere Probleme neu hinzugekommen? Wie verändert sich Dein konkretes Leben, seitdem die Ich-Illusion verschwand?


Das ist eine schwierige Frage, denn sie bezieht sich auf die Erscheinung - und in dieser gibt es viele Ebenen bzw. Betrachtungsweisen. Als erstes kam mir ein Zitat von Tony Parsons in den Sinn. Er sagte einmal, dass es einen Unterschied gibt, aber dass dieser nicht messbar ist. D.h. auf der einen Seite lebe ich ein mehr oder weniger normales Leben mit "ganz normalen" Alltagssituationen. Auch ich bewege mich durch diese Welt, die eben genau so ist, wie sie ist. Dahingehend habe ich keine Vorteile. Auf der anderen Seite hat sich mein Leben als eine fließende Erscheinung entpuppt, in der ich genau so "geschehe" wie alles andere auch einfach geschieht. Es findet nicht der Versuch statt, sich als Ich durch diese Erscheinung bewegen zu müssen, sie "meistern" und in ihr Erfüllung finden zu müssen. Das Leben ist keine Last mehr für jemanden, der es nutzen muss, um in ihr anzukommen. Wo vorher die Illusion eines Kampfes war, ist jetzt eine Art Leerstelle bzw. die Illusion ein "Jemand" zu sein, findet einfach nicht mehr statt. Das Leben hat sich als "einfach" entpuppt, weil es einfach geschieht. Wo vorher die Suche alle Lebensbereiche gefärbt hat, ist nun eine sehr natürliche Vollkommenheit "offenbar". Diese "leere Vollkommenheit" ist nun gelebter Alltag. Aus der Sicht der "Ich-Illusion" scheint das ein immenser Vorteil zu sein, allerdings gibt es niemanden, der diesen Vorteil erlebt und sich darauf ausruhen kann. Alle Probleme, die sich aus dem Ich-Erleben ergeben, haben sich auf wunderbare Weise in Luft aufgelöst. Der vergebliche Versuch persönliche Erfüllung zu finden, der Eindruck des Täter- bzw. Opferempfindens, die Last der persönlichen Verantwortung ("ich bin für meine Erfüllung verantwortlich"), das Kreisen in Gedanken um und innerhalb der eigenen Geschichte - dieser ganze innere K(r)ampf, der sich aus dem Ich-Erleben ergibt, hat sich einfach und schlagartig in Luft aufgelöst. Probleme, die neu hinzugekommen sind, kommen mir gerade nicht in den Sinn. Mein konkretes Leben hat sich seither sehr verändert - und es verändert sich weiter. Mir scheint, als ob der Körper "Andreas" mehr und mehr von alten Konditionierungen, Traumata und "einschränkenden" Verhaltensweisen gereinigt wird bzw. diese schmelzen nach und nach einfach weg. Es ist, als ob auch der Körper "Andreas" immer freier wird bzw. immer mehr zu seinem natürlichen Ausdruck zurückkehrt (wobei natürlich immer alles natürlich und vollkommen war und ist). Wie die gesamte Erscheinung, ist es ein sehr organisches Geschehen. Niemand macht es, aber es ist eben auch niemand da, der diese Dynamiken (Traumata, Konditionierungen, im Energiesystem verankerte Glaubenssätze) aufrecht erhalten kann. Obwohl Liebe und Freiheit die natürliche Realität sind, scheinen diese auch immer mehr in der Erscheinung durchzubrechen und Alltag zu werden bzw. zu sein. 

 

Haben Menschen in Deinem engeren, privaten Umfeld diese Veränderungen an Dir bemerkt? Kommen sie damit klar oder erlebst Du, dass sich welche vor den Kopf gestoßen fühlen und wütend auf Dich werden, weil Du ihren altvertrauten Erwartungen nicht mehr entsprichst? Gibt es Menschen aus früheren Zeiten, die erstaunt darüber sind, was für ein anderer Charakter aus Dir geworden ist? Erlebst Du Neid oder Enttäuschung oder nur Freude über Deine nette Art?


Ja, die Menschen in meinem engeren, privaten Umfeld haben diese Veränderungen bemerkt und die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Damit "klar kommen" ist ein sehr weiter Begriff. Mein Eindruck ist, dass der Großteil der Menschen in meinem Umfeld diese Veränderungen gar nicht wirklich benennen kann, da sie sich nicht mit dieser Botschaft beschäftigen. Sie scheinen die Veränderung eher zu spüren, können sie aber nicht einordnen. An der Oberfläche scheine ich in gewissem Sinn ja "ganz der Alte" zu sein. Andere, sehr vertraute Beziehungen, haben den scheinbaren "Ich-Tod" nicht überlebt. Da die energetische Dynamik gebrochen ist - die Begegnung zwischen zwei Ichs - hat auch die Beziehung in der Erscheinungswelt nicht gehalten. "Energetisch" ist Befreiung ja eine Art Tod - und wo vorher jemand gewesen zu sein scheint, ist jetzt niemand. Und ja, das hat auch Wut und Frustration ausgelöst. In gewissem Sinn wird man energetisch ungreifbar. Ja, aus früheren Zeiten gibt es Menschen, die sehr positiv überrascht sind, was aus mir geworden ist. Auch wenn sie es nicht greifen können, erspüren und sehen sie eine Unbeschwertheit, die nicht aus einer künstlichen Leichtigkeit entsteht. Wie vermutlich jeder Mensch erlebe ich, dass Menschen vor mir enttäuscht sind. Die Erscheinung Andreas ist ja dann doch wieder sehr menschlich, was viele als Widerspruch erleben. Allgemein haben viele Menschen sowieso Probleme mit der Menschlichkeit, da sie sie insgeheim ablehnen. Oft wird Menschlichkeit auch mit "Ich-lichkeit" verwechselt. Zu Neid kann ich nicht viel sagen, da das in meinem direkten Umfeld kaum stattfindet oder ich es nicht bemerke. Im direkten Kontakt überwiegt die Freude über meine anscheinend nette Art.

 

Unangreifbarkeit und Unbeschwertheit sind ja durchaus Eigenschaften, die sich auch Menschen "mit (eingebildeten) Ich" erhoffen, allerdings in einer verdrehten Art und Weise, nämlich dass sie gerne trotz all der charakterlichen Stressoren, unter denen ihr Ich leidet, 1) unangreifbar sein wollen, indem das Ich seinen "Charakterpanzer" (Begriff von Wilhelm Reich) derart verfestigt, dass es eine Kritikresistenz entwickelt, um nicht verletzt zu werden; und 2) unbeschwert sein wollen, indem sie ihrem Ich zwischendurch auf kostspieligen Retreats durch Meditation, Stille, Yoga und Satsangs akuten, temporären "ichlosen Bliss" als spirituelle Droge verabreichen. Diese verdrehte Unangreifbarkeit gleicht einer Ablehnung der eigenen Menschlichkeit, die nur als anstrengende Neurotik (für das Ich) empfunden wird. Und die künstlich gepushte Unbeschwertheit gleicht einer Sisyphos-Arbeit an der eigenen "Selbstoptimierung", weil der erlösende Moment der Erleuchtungserfahrung (vom Ich als solche interpretiert) wieder verpufft, ohne dass die Ichlosigkeit als neue Charaktereigenschaft (des Ichs) bleibt. Wie Du sagst: die Menschlichkeit wird mit "Ich-lichkeit" verwechselt und daher beides abgelehnt und stattdessen alle möglichen Methoden ausprobiert, um permanente Erleuchtung (für das Ich) zu finden. Das Ich wird geschrubbt und auf Hochglanz poliert, aber die ganze Mühe basiert auf dem Irrtum, dass das Ich tatsächlich echt sei und sich um den Mensch kümmern müsste, der es besitzt. Und dann kommt da einfach so ein Andreas Müller hergelaufen und stellt alles auf den Kopf, was man dank spiritueller Standardwerke auswendig gelernt hatte und krampfhaft umzusetzen versucht! Plötzlich soll Menschlichkeit auch ohne Ich völlig tabulos erlaubt sein und die große Leichtigkeit des Seins auch ohne Bliss spürbar! Wie soll das gehen, fragt sich das verzweifelte Ich, das ja all dies selber erleben und festhalten möchte! Daher die Bitte an Dich, etwas näher zu erklären, inwiefern Du Deine "Menschlichkeit" trotz Ichverlust behalten hast (verschwinden irgendwelche neurotischen Muster automatisch?) und ob Dir die erwähnte Unbeschwertheit im konkreten Alltag hilft, ohne dass sie von einem Ich erkämpft werden kann. Wie lässt sich diese natürliche (ontologische) Unbeschwertheit menschlich beschreiben: hat sie körperlich mit Tiefenentspannung zu tun und seelisch mit Unbekümmertheit? Kann sich ein ichhafter Mensch darauf irgendwie "einlassen", ohne sein Ich dafür zu strapazieren? Auch hier wirkt das wie ein Paradoxon, natürlich nur scheinbar, ein Scheinparadoxon, weil das Ich eben nur scheinbar existiert.


Das ist tatsächlich schwierig zu beschreiben. Im "Ich-Erleben" ist das scheinbare "Ich-Sein" mit dem "Mensch-Sein" so verwoben, dass es nicht auseinanderzuhalten ist. Verpufft die Illusion "Jemand" zu sein, bleibt ein lebendiger Körper - ein lebendiger Mensch - der dann total er selbst ist (was er/sie vorher ja auch schon war). Als sich meine Ich-Illusion als solche entpuppt hat, sind viele neurotische Muster und Gedanken schlagartig weggefallen. Dazu würde ich all jene zählen, die direkt aus dem Ich-Erleben kommen. Die Suche nach Erleuchtung, das Nachdenken darüber und all die Gefühle, die damit direkt in Zusammenhang stehen. Es war, als ob sie plötzlich verschwunden sind. Auf der anderen Seite war noch "total viel Andreas" übrig. Gedankengänge, Muster und Verhaltensweisen, die ich vorher dem Ich zugeordnet hatte, entpuppten sich plötzlich als das, was scheinbar geschieht. Dazu gehören auch Verhaltensweisen aus Traumata und Konditionierungen. Manche davon zeigten sich in den Jahren nach der scheinbaren Ich-Verpuffung erst mit viel größerer Deutlichkeit. Allgemein könnte ich sagen, dass mit dieser scheinbaren Befreiung eine Art energetische Tiefenentspannung eingesetzt hat, die in Andreas' ganzes Sein abstrahlt und dieses mehr und mehr durchzieht. Es ist als ob die Erscheinung Andreas immer tiefer entspannt und immer weiter in eine Natürlichkeit zurückkehrt. Das Interessante ist, dass sie vorher gar nicht unnatürlich war, und doch scheint es in der Erscheinung eine Bewegung in Richtung größerer Freiheit und tieferer Liebe zu geben. Gleichzeitig bleibt das ein Geschehen, das nirgendwo hinführt bzw. nicht auf eine Erfahrung des Ankommens abzielt. Es ist einfach das, was scheinbar geschieht. Natürlich hilft diese Unbeschwertheit im Alltag, allerdings nicht weil sie jemand benutzen kann. Die natürliche Realität ist Unbekümmertheit. Vielleicht könnte ich sagen, dass sich das Gefühl des "Reibens an der Welt" aufgelöst hat - und Andreas nun mit all seinen Facetten eins geworden ist mit dem natürlichen Fluss des Lebens. Aber wie gesagt, das hat nichts mit der künstlichen Leichtigkeit zu tun, von der das Ich träumt. Auch ich fühle mich ab und zu schwermütig, bin traurig und lache dann wieder. Dieses Menschsein ist so gewöhnlich - und ist doch durchzogen von dieser unpersönlichen Freiheit, die niemandem gehört. Ob sich ein "ichhafter Mensch" darauf einlassen kann? Ich glaube nicht. Dieses Einlassen käme ja schon aus einer Energie des "sich" Einlassens. Es wäre ja genau diese Energie, die dem getrennten Erleben entspricht - und somit dem "einfach So-sein" entgegenwirkt. Zwischen dem scheinbaren Ich-Sein und dem scheinbaren Niemand-sein gibt es keine Brücke und keine Annäherung. Letztlich gibt es diese Annäherung nicht, genau weil das Ich eine Illusion ist. 

 

Wie lässt sich erklären, dass sich Traumata und Konditionierungen durch die Ich-Verpuffung mit viel größerer Deutlichkeit zeigen können? Spielt da eine Rolle, dass die Wahrnehmung in Freiheit keine Impulse mehr für so etwas erzeugt und darum überrascht ist, wenn sie trotzdem aus den gespeicherten, antrainierten Programmen hervortreten? Was macht der freie Mensch dann damit? Sie einfach wertfrei abspulen? Oder ploppen sie nur als Impuls auf, werden dann aber nicht ausgelebt? Es ist ja niemand da, der sie entweder unterdrücken wollte oder aber ausleben möchte. Ist das eine Art "zuschauen" (obwohl es keinen Beobachter gibt) oder "miterleben" (obwohl es keinen Erfahrenden gibt)? Oder wie unterscheidet sich die Art des ichlosen Traumas zu jenen Folgen, die das Trauma für das (scheinbare) Ich hat? Und weiter: gibt es einen gesundheitlichen Vorteil für den Ichlosen, was das Leiden unter einem Trauma betrifft? Ist Suizid zum Beispiel ohne Ich überhaupt vorstellbar?


Traumata und Konditionierungen scheinen sich nach der Ich-Verpuffung viel deutlicher zu zeigen, weil niemand mehr da ist, der sich durch die Suche nach persönlicher Erfüllung (oder dem "managen" des Alltags) ablenkt. Ich würde aber nicht sagen, dass die Traumata und Konditionierungen in meiner Sucher-Zeit insgesamt weniger waren; sie waren nur überdeckt oder unterdrückt, weil ich mit in meiner scheinbar abgespaltenen Ich-Realität mein eigenes Süppchen der Suche gekocht habe. Wenn dieses illusionäre Ich verpufft, verpufft die künstliche Dynamik der Suche und es bleibt das "reine" Geschehen dessen, was sowieso "da" ist. Und bei einem Großteil der Menschen sind das auch Traumata und Konditionierungen. Überraschend ist das dann nicht wirklich, weil ab dem Moment des Wegfallens alles einfach nur das ist, was scheinbar passiert. Dieses scheinbare Geschehen hat etwas Wunderbares an sich, während es auch von einer großen Selbstverständlichkeit begleitet wird. Eine Überraschung mag höchstens daher rühren, dass das Verpuffen der Illusion nicht dem Bild entspricht, das sich der Sucher vorher davon gemacht hat. Der Sucher lebt ja in ziemlich kruden - und unmenschlichen - Vorstellungen davon, wie Befreiung aussieht und wie man als befreiter Mensch ist. Was der freie Mensch mit den Traumata und Konditionierungen macht, lässt sich nicht wirklich beantworten. Es ist ja niemand mehr da, der versucht, in das Geschehen einzugreifen (es schaut allerdings auch niemand mehr weg!). Bei mir spielten und spielen sich die Traumata und Konditionierungen einfach aus. Sie sind dann "voll da" bzw. die Gesamterscheinung Andreas ist ganz so, wie sie gerade geschieht, aber gleichzeitig geschieht sie niemandem, der sich als diese Erscheinung erlebt und sie für real hält. Die Traumata und Konditionierungen bilden keinen Widerspruch mehr zur völligen Freiheit und Liebe, die alles ist. In Befreiung entpuppt sich alles als "frei" und "total" einschließlich einem selbst mit seinen momentanen inneren und äußeren Lebensumständen. Allerdings kann ich aus meiner Geschichte berichten, dass sich Traumata und Konditionierungen auf eine ganz natürliche Weise verändern, abschwächen oder sogar ganz abfallen. Manche verpuffen direkt im Moment der Befreiung, andere, tief sitzende, scheinen etwas länger zu brauchen. Zumindest ist das bei mir so. Wenn kein Ich mehr ist, "darf" alles genau so sein, wie es ist. Dieses urteilslose Sein scheint den Raum zu öffnen für wahre Heilung. Diese Heilung geschieht im einfachen "So-sein-dürfen" - ohne dass jemand etwas tut bzw. das Ziel der Heilung hat, um persönliche Erfüllung zu erreichen. Die Heilung persönlicher Traumata ist somit Teil dieser freien und unpersönlichen Erscheinung, die nirgendwohin führt. Die Ich-Illusion scheint diesem natürlichen Abheilen dadurch im Wege zu stehen, dass sie das, was scheinbar passiert, als "falsch" erlebt. "Ich" hat den Eindruck, dass Traumata und Konditionierungen einen Widerspruch zur natürlichen Realität bilden und bekämpft sie. Selbst im Versuch, diese zu heilen, steckt eine energetische Ablehnung derselben. Als "Ich" möchte man einfach nicht genau so sein, wie man ist, da man einem vorgestellten Ideal hinterher hechelt. Nach allem, was ich bisher erlebt und gesehen habe, verhindert dieses Ich-Erleben somit eine natürliche Heilung. Wenn ich auf meine Geschichte zurückblicke, kam dieses Abheilen erst mit der scheinbaren Befreiung, obwohl ich mich schon zuvor viel mit meinen Themen und Traumata auseinandersetzt hatte. In diesem Sinn kann Befreiung durchaus einen gesundheitlichen Vorteil haben. Das Ende der Illusion von Trennung und die Offensichtlichkeit, dass alles der natürliche Fluss des Unkennbaren ist, ist die tiefste Heilung überhaupt. Sie ist die Heilung des scheinbaren "Ur-Traumas". Inwieweit der Körper nachzieht, zeigt sich danach. Aus meiner Erfahrung kann ich allerdings sagen, dass ich bei allen Menschen, denen Befreiung widerfahren ist, eine eindeutige Tendenz zu einer mehr oder weniger tieferen Heilung der Erscheinung beobachten kann. Zur letzten Frage: Suizid ohne Ich ist vorstellbar, aber insofern unwahrscheinlich, da er in der Regel aus einer psychologischen Notsituation heraus geschieht und dem "Ich" als Ausweg erscheint. Innerhalb der Illusion fühlt es sich dann so an wie die letzte Handlungsoption. "Wenn gar nichts mehr hilft bzw. wenn ich keinen Ausweg mehr sehe, habe ich trotzdem die Macht, mein Leben zu beenden." Allerdings scheint es mir, dass auch in diesem letzten Schritt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lauert. Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass das Ich den eigenen Tod vorwegnehmen möchte, wiederum aus Angst vor einem Kontrollverlust. So oder so wäre Selbstmord mit Ich-Illusion auch einfach "nur" das, was scheinbar geschieht, ohne dass real jemand entscheidet (die Ich-Illusion entscheidet in Wirklichkeit gar nichts). Abgesehen davon sind Gedanken an Selbstmord viel häufiger, als dass es dann wirklich geschieht. "Man" kann es einfach nicht machen. Aus meiner Geschichte heraus kenne ich Selbstmordgedanken, die daran geknüpfte Hoffnung auf einen Ausweg und das Gefühl, diesen real wählen zu können. Manchmal habe ich diese Vorstellung regelrecht als Krücke empfunden, die mir das Leid der persönlichen Suche erleichterte. Seit diese Ich-Dynamik verpufft ist, ist niemand mehr da, der Situationen als unaushaltbar erlebt und den Eindruck hat, diesen entkommen zu müssen und zu können. Trotzdem halte ich Selbstmord in den entsprechenden Umständen für denkbar. Hierbei denke ich zum Beispiel an eine schmerzhafte Krankheit ohne Aussicht auf Besserung oder Heilung in den letzten Lebensjahren. In der Öffentlichkeit nimmt das Thema Sterbehilfe ja einen immer größeren Raum ein - und ich hege eine gewisse Empathie für die Vorstellung, dass man "frei" über sein Leben entscheiden kann. In der katholischen Kirche gilt Selbstmord als Todsünde. Das Leben als schützenswertes Gut mit großer moralischer Aufladung ist in weiten Teilen der Bevölkerung tief verankert. Wenn die Ich-Illusion verpufft, verpufft diese Art von Moral oder die Idee von Todsünden. Da sich das Leben, das dem Ich unglaublich wichtig erscheint - die eigene Existenz ist dem Ich das Teuerste überhaupt - als unpersönliche Erscheinung entpuppt, entschärft sich diese moralische Frage und es kann eine gewisse "Nüchternheit" eintreten. Natürlich gibt es niemanden, der sich umbringen kann. Gleichzeitig gibt es aber auch niemanden, der eine Situation zwanghaft aushalten muss. Ich halte es nach wie vor für unwahrscheinlich, aber auch nicht für völlig ausgeschlossen, dass aus einer scheinbaren und unpersönlichen Nüchternheit die Entscheidung fällt, in gewissen Umständen dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. "Warum nicht?" sozusagen.

 

Wir möchten gerne einmal auf das zu sprechen kommen, was Du das "Unkennbare" nennst. In spirituellen und esoterischen Standardmodellen der Welt und den dazugehörigen Wirklichkeitsinterpretationen spielt ja die dualistische Vorstellung einer transzendenten Dimension eine zentrale Rolle. Sogar die persönliche Erleuchtung wird daran geknüpft, etwas Metaphysisches, Geheimnisvolles oder Nichterkennbares wahrnehmen zu wollen, ja sogar damit zu verschmelzen. Das hängt natürlich mit der Vorstellung zusammen, ein Ich zu sein, das von dieser imaginierten Dimension getrennt sei. Inwiefern unterscheidet sich diese dualistische Vorstellung von dem, was in der Nondualität als "Unkennbares" bezeichnet wird. Was ist für einen Nondualisten überhaupt noch rätselhaft, wenn da niemand mehr von einer Verrätselung des Seins abgespalten ist, sondern der Mensch einfach das ist, was ist?


Das Unkennbare ist nichts anderes als das, was scheinbar passiert. Die Totalität alles "Passierenden" ist in sich unkennbar, gerade weil es einfach das ist, was ist. Unkennbarkeit ist nicht rätselhaft, da sie völlig natürlich ist. Nur aus der persönlichen Perspektive, die einem energetischen Fragezeichen entspricht, bleibt der Eindruck, dass es eine Realität hinter dem Erfahrbaren gibt. Da dem "Ich" diese Realität jenseits des Erfahrbaren verschlossen scheint, bleibt nur die Vermutung, die Hoffnung oder der Glaube an eine getrennte absolute Ebene. Das wäre dann Gott oder irgendeine von Urgrund oder Quelle. Fällt die Ich-Illusion, fällt auch die Annahme, dass es eine Realität außerhalb der persönlichen Erfahrung gibt. Allerdings fällt auch die Illusion, dass es eine getrennte Person mit einer begrenzten persönlichen Erfahrung gibt. Das Missverständnis dieser Botschaft hat zwei Seiten: Einerseits vermutet das "Ich", dass es eine höhere Realität gibt. Wenn es aber hört, dass es "nur" das gibt, was scheinbar passiert, fällt es auf sich selbst zurück, also auf die Illusion einer persönlichen Erfahrungswelt. Es schlussfolgert, dass die persönliche Erfahrung und die Erfahrung einer realen Welt das ist, was ist. All das ist geträumt: Die Erfahrung, ein "Ich" in einer realen, objekthaften Welt zu sein, der etwas Tieferes zugrunde liegt. Was bleibt, ist das, was scheinbar passiert (ganz konkret und direkt), während es gleichzeitig nicht von einem getrennten Standpunkt erlebt und "gekannt" wird. Die Aussagen "Leere ist Form" und "Form ist Leere" entpuppen sich als die natürliche, nicht rätselhafte Realität.

 

Deine Erläuterung der falschen Schlussfolgerung, die das scheinbare Ich aus der erwachten Erkenntnis zieht, dass es nichts anderes gibt (kein göttliches Dahinter, keine Quelle oder reines Bewusstsein) als das, was passiert, macht deutlich, wie schwer sich das illusionäre Ich darin tut, sich als ungetrennten Bestandteil des unendlichen Seins zu empfinden. Im Grunde empfindet der Geist überhaupt nichts, solange er sich wie ein abstraktes Gespenst aufführt, das meint, das Ganze von Außerhalb zu beobachten. Die echte Empfindung des Sinnlichen als große letzte Wahrheit kann nur dann nicht-reduktionistisch, also weder pantheistisch noch materialistisch in der Wahrnehmung Raum einnehmen, wenn niemand mehr da ist, um das Empfinden als persönliche Erfahrung objekthaft zu verpacken. Das Ich ist eigentlich ein Verpackungskünstler, das sich nach einem mystischen Geschenk sehnt, das es auspacken will und dadurch Erleuchtung findet. Dass das unverpackte pure Sein das wahre Geschenk darstellt, es aber weder jemanden gibt, der beschenkt wird, noch ein besonderer göttlicher Wert im Geschenk verborgen läge, ist für das Ich anscheinend nicht nachvollziehbar. Wie gut lässt sich diese Botschaft, die Du als unpersönliche Freiheit bezeichnest, in Deinen Talks vermitteln, bei denen das Publikum doch zumeist aus suchenden Ichs besteht, die eine persönliche Befreiung erfahren möchten? Führt die Paradoxie der Vermittlung zu Missverständnissen, die auch in Wut und Enttäuschung umschlagen können? Fühlst Du eine moralische Verantwortung für die Worte, die Dir als Antworten in den Talks einfallen? Oder begnügst Du Dich mit dem Hinweis, dass Du weder eine Botschaft hast noch die Freiheit für das Ich nachvollziehbar ist? Und trotzdem kommen die Ichs, um Dir zuzuhören? Warum?

 

Bei dieser Botschaft ist es von vornherein schwierig, überhaupt von Vermittlung zu sprechen. Es ist völlig unmöglich, einem Ich bzw. einer Illusion überhaupt etwas zu vermitteln, gerade weil das Ich eine Illusion ist. Ich erlebe meine Talks viel mehr als ein Antworten auf eine energetische Offenheit und Bereitschaft der TeilnehmerInnen, die über das persönliche Erleben hinausgeht. Diese Offenheit hat nichts mit dem Ich zu tun und ist ganz individuell das, was scheinbar passiert. Niemand hat sie und niemand kann sie machen. Daher kommen zu den Talks auch Menschen mit allen möglichen Lebenshintergründen. Es stimmt, auf der einen Seite scheint das Publikum aus suchenden Ichs zu bestehen, auf der anderen Seite scheint es diesen mehr oder weniger intensiven Durst zu geben, die persönliche Ich-Identität hinter sich zu lassen. Mein "Beantworten" dieses Durstes fällt dann je nach Offenheit auf mehr oder weniger fruchtbaren Boden. In den Talks erlebe ich Wut und Enttäuschung eher selten. Natürlich gehen die scheinbaren Sucher durch allerlei intensive Prozesse, in denen auch Wut und Enttäuschung entstehen - immerhin stellt diese Botschaft "Existenz" an sich in Frage - allerdings finden diese innerhalb der besonderen Dynamik statt, die im Rahmen dieser scheinbaren Auseinandersetzung ("Ich" trifft "Nicht-Ich") geschieht. Sie sind darin sozusagen friedvoll eingebettet. Heftigere Reaktionen löst diese Botschaft wohl eher bei denen aus, die sich aus der Ferne mit ihr beschäftigen. Da erlebe ich eine regelrechte Ablehnung, Verächtlichmachung bis hin zu Hass auf meine scheinbare Person. Auf eine Art ist das verständlich und erwartbar, da energetisch alles bedroht wird, was dem scheinbaren Ich lieb und teuer ist. Eine moralische Verantwortung empfinde ich dahingehend nicht, dass mir das zu hoch gegriffen ist. Gleichzeitig ist es mir ein tiefes Anliegen, alle Missverständnisse auszuräumen. Die Talks sind geprägt von einer Klarheit und Direktheit, die eher selten zu sein scheint und die diesem Anliegen entspringt. Genau das ist ja meine "Aufgabe": Das grundlegende Missverständnis aufzudecken, dass niemand getrennt ist von der natürlichen Realität und dass das Leiden, das der scheinbaren Ich-Illusion entspringt, illusionär ist. Allerdings findet all das in dem scheinbaren Bewusstsein statt, dass das Ich diese Botschaft nur Missverstehen kann, da das Ich selbst das Missverständnis ist. Es kommen eben keine Ichs zu meinen Talks. Es kommt die Offenheit, diese Botschaft zu hören, zu meinen Talks. Letztlich geschieht das ohne Grund, und doch ist es eine tiefe und unpersönliche Faszination für die natürliche Realität und der Durst nach Befreiung, die Menschen zu meinen Talks bringt. Und alle, die mich nur auschecken wollen oder eine persönliche Belehrung suchen, wenden sich in der Regel recht schnell wieder ab.

 

Du schreibst ja auch Bücher zu den Themen rund um die "unpersönliche Freiheit", die sogar schon in anderen Sprachen übersetzt wurden. Wie funktioniert bei einem Ichlosen der kreative Schreibprozess? Schreibst Du nur, wenn Dir quasi nebenbei etwas Brauchbares einfällt oder setzt Du Dich wie ein richtiger, anständiger Autor morgens früh diszipliniert an einen Schreibtisch und grübelst darüber nach, wie sich die Botschaft am besten verpacken lässt? Und wie fühlt sich das überhaupt an, wenn das Gehirn gute Gedanken produziert, die zur Veröffentlichung taugen? Woher kommen die Worte und warum kommen sie überhaupt?


Ich glaube nicht, dass man meinen kreativen Schreibprozess mit dem eines "anständigen" Autors vergleichen kann. Ich setze mich eigentlich niemals hin und überlege, wie ich diese Botschaft verpacken kann. Auch wenn es nicht so scheint, denke ich von mir aus selten über die Botschaft nach bzw. ich habe überhaupt keine Botschaft in meinem Kopf. Es gibt wortwörtlich nichts, das ich der Welt mitteilen möchte. Es ist niemand da, der eine Botschaft hat, die verbreitet werden muss. So gesehen bin ich, was die Botschaft angeht, tatsächlich leer. Es ist ja alles auf seine Art perfekt, so wie es ist. Diese Perfektion benötigt auch nicht, dass man (mantrenartig) über sie spricht. Allerdings bin ich dadurch, dass ich diese Talks halte, in einer besonderen Situation: Ich bin ständig im Gespräch mit Menschen und mir begegnen eine Vielzahl von Fragen, sei es nun direkt im Talk, per E-Mail oder in Telefonaten, die ich führe. So gesehen findet natürlich eine dauernde intensive Auseinandersetzung mit dem "Thema" statt - energetisch, emotional und gedanklich. Ein Großteil meiner Bücher sind Auszüge aus den Talks oder inspiriert davon. Auch wenn ich einen längeren Text schreibe, ist dieser in der Regel inspiriert von einem Austausch, den ich kurz zuvor hatte. In den Gesprächen ergeben sich dann immer wieder neue Antworten (die Botschaft ist ja immer "frisch"), ein weiterer Aspekt, der beleuchtet wird und Sätze, die vorher noch nie von mir gesprochen wurden. Wenn ich diese dann schön und gut finde, ist sehr viel Freude dabei. Ähnlich ist es, wenn ich andere Schriften kommentiere. Auch da habe ich ja eine Vorlage, zu der dann Worte fließen dürfen. Insofern empfinde ich auch das Schreiben eher als Antworten auf Fragen, die mir entgegenkommen bzw. auf die Offenheit, die mir ganz generell begegnet. Ich vermute stark, dass wenn ich diese Talks nicht geben würde, ich gar nicht schreiben würde. Irgendwie ist auch das Schreiben eingebunden in die scheinbare Tätigkeit als "Sprecher".

 

Lieber Andreas, ganz großen Dank für all Deine sehr ehrlichen und anti-elitären Antworten. Für unser Empfinden bist Du in der globen Spiri-Community eine seltene Ausnahme und sowas wie ein "Antiguru"; denn die meisten sogenannten Weisheitslehrer, Bewusstseinscoaches, erwachten Psychotherapeuten und erleuchteten Gurus verbreiten bei genauerem Hinschauen immer eine persönliche Botschaft von Person zu Person, nämlich von ihrer vermeintlich "gesättigten" Person zu einem scheinbar "hungrigen" Personenkreis, soll heißen: ihre eigene Ich-Illusion ist nicht verpufft, sondern glaubt ganz im Gegenteil, durch eine besondere Selbsterfahrung etwas Tieferes, Höheres, Wahreres gefunden zu haben, das sich durch "weise" Worte, "meditative" Techniken, "neuroaktive" Praktiken, "yogische" Rituale und vor allem mit viel Geduld und Ausdauer vermitteln ließe. Für diese vergebliche Hoffnung geben viele suchende Menschen viel Geld aus, wovor wir ja in unseren eigenen Publikationen immer wieder warnen. Von unseren anfänglich über tausend "Freunden" auf Facebook, von denen ungefähr ein Drittel Lehrer und zu zwei Dritteln Anhänger irgendwelcher Lehren waren, haben sich dadurch im Laufe der 12 Jahre, die wir nun über Ursachen und Folgen zeitgenössischer Spiritualität forschen, die meisten wieder von uns entfreundet (auch oft aus Wut darüber, dass wir uns als Personen nicht outen, gerade weil wir keine "persönliche" Botschaft haben) - teilweise nicht ohne empörte Beschimpfungen, dass wir pietätlos und respektlos gegenüber heiligen Werten und deren Vertretern sein! Wie erlebst Du das bei all Deinem mittlerweile weltweiten Engagement: gibt es berühmte Gurus, die Dich als Person wegen Deiner inhaltsleeren Botschaft verteufeln und als Gefahr für ihr eigenes Business erleben? Und kennst Du umgekehrt andere, die wie Du ebenfalls auf die Bühne der Sucher-Institutionen gehen, "obwohl" sie eigentlich nichts zu sagen haben? Ist das womöglich sogar eine geheime neue Bewegung, die sich da allmählich bemerkbar macht? Erwarten uns bald vielleicht keine sogenannten Erleuchtungskongresse mehr, sondern völlig unspektakuläre Sit-ins auf derselben Augenhöhe ohne das scheinbare Gefälle von Bühnen? Ein vollständiges, Sprecher-freies Publikum auf derselben einen unendlichen Ebene der unkennbaren Totalität des leeren Seins? Gibt es bereits Talks, die in einer solchen Form organisiert werden, wenn Du zu längeren Retreats im Ausland unterwegs bist? Haben sie einfach nur noch den Charakter von gemeinsamen Urlauben? Aber welche Aufgabe hat dann ein ichloser "Botschaftsbefreiter" überhaupt noch? Ist eine Bühne irgendwie doch immer nötig, um davon zu sprechen, dass es nichts zu sagen gibt, weil da niemand ist, der etwas benennen wollte, was über das hinaus geht, was sowieso passiert?

 

Ihr Lieben, zuerst einmal: Vielen Dank für das schöne Interview und die tollen Fragen. Was ihr über euch schreibt, kann ich sehr gut nachvollziehen. Im Endeffekt sind es nur sehr wenige Menschen, die sich dieser Direktheit stellen können und wollen. Nahezu alle Menschen erleben sich als "Ich" und haben kein Bedürfnis, darüber hinauszugehen. Nicht dass da jemand wäre, der das tun könnte. In der Regel wird diese Botschaft einfach links liegen gelassen, als völliger Quatsch, Mindfuck, "kranke" Philosophie oder dergleichen abgetan. Inwieweit mich "berühmte" Gurus verteufeln, vermag ich nicht zu sagen. Viele Jahre lang war ich ein recht unbekannter Sprecher, so dass mich viele vielleicht gar nicht ernst genommen oder nicht "auf dem Schirm" hatten. Ich weiß aber, dass einige dieser sehr bekannten Gurus und bekannten vermeintlichen Nondualität-Sprecher Tony Parsons sehr anfeinden und geradezu verteufeln. Ich selbst habe in den letzten Jahren viel Ablehnung von verschiedenen Lehrern erhalten. Was mit meiner Bekanntheit stark zugenommen hat, sind Anfeindungen von Suchern. Da werde ich zum Teil als Fall für die Psychiatrie und als gefährlich dargestellt. Persönliche Herabwürdigungen und Beleidigungen von besserwisserischen Suchern gehören auch dazu. Die Internet-Community und die Internet-Empörungskultur lassen grüßen. Mittlerweile gibt es weitere Sprecher, die diese Botschaft der Freiheit und Liebe teilen, allerdings lassen sie sich nach wie vor an einer Hand abzählen. Auch in der in den letzten Jahren entstandenen Nicht-Dualität-Szene gibt es kaum jemanden, mit dem oder der ich Resonanz verspüre. Insofern muss ich der Vorstellung einer neuen Bewegung eine Absage erteilen. Ich sehe nichts dergleichen geschehen, auch wenn sich immer mehr Menschen für diese unpersönliche Botschaft öffnen. Meinem Eindruck nach sind es bis jetzt Einzelne geblieben. Ein weiterer Aspekt scheint mir zu sein, dass diese Botschaft zwar sehr "absolut" daherkommen mag, aber im Endeffekt geschieht doch ein sehr individueller Austausch. Sie ist eben keine Lehre und keine Wahrheit, die man in die Welt hinaus posaunen möchte. Sie bleibt eine Antwort auf die suchende Energie im jeweiligen Individuum. Auch sogenannte "sinnfreie" Sit-ins sehe ich nicht. Sich im Namen der natürlichen Realität zu treffen, um ihrer zu "huldigen", kommt mir sehr abwegig vor. Alles ist bereits die natürliche Realität. "Nicht-Dualität" als Thema existiert ja gar nicht wirklich. Diese Talks empfinde ich als eine sehr direkte Begegnung der suchenden Energie mit der unpersönlichen Energie (die ja eigentlich keine Energie im engeren Sinne ist). Energetisch gibt es dort keine Hierarchie, nichts zu erreichen und das leere und volle Feld der natürlichen Ganzheit - und doch scheint mehr zu geschehen als nur zusammen abzuhängen. Die Talks und Intensivs haben einen befreienden Charakter, aber es käme zu kurz, sie als "bloße" Urlaube darzustellen. Immer wieder wird das scheinbare Ich in tiefe Prozesse gestürzt. Auch diese Intensität ist ein Teil der Energie in den Veranstaltungen. Sie würden sich erübrigen, wenn sich kein Sucher mehr dieser Direktheit stellen, es keine Offenheit mehr dafür geben oder bei allen Menschen die Illusion verpuffen würde. Wo keine Frage, da keine Antwort. Wo keine Sucher, da kein Sprecher. Die Bühne wird auf irgendeine Art so lange bleiben wie diese Talks stattfinden. Es ist eben kein Plausch auf Augenhöhe in dem Sinn, dass da ebenbürtige Ichs sitzen, die gemeinsam über ihre Wahrheit philosophieren. Es ist das Spiel in seiner Gesamtheit, das sich als illusionär und als vollkommene Einheit entpuppt. Obwohl es eine Hierarchie zu geben scheint (ich sitze vorne und beantworte Fragen) und obwohl es wie eine "klassische" Belehrung aussehen mag ("Andreas weiß Bescheid"), gibt es weder eine Hierarchie noch eine Belehrung. Es ist genau diese Erscheinung der Welt, die sich als die unpersönliche natürliche Realität entpuppt.

 

 

Das Interview wurde von Juli 2025 bis März 2026 geführt.
Hervorhebungen (fett/kursiv/bunt) durch die LDL.
Die Website des Autors: www.thetimelesswonder.com

 


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